Täuschung

Ich erkenne es nun: Ich sehe ihn für das, was er ist. Lange Zeit hat er mir als Antriebsmotor gedient – hat seinen Zweck auch bis zu einem gewissen Schein erfüllt. Zu wirklichem Glücksempfinden hat er – sie – jedoch nie geführt, hat mehr zerstört als geschaffen.

Früher habe ich nicht bemerkt, was er alles Schlechtes anrichtet – wollte es nicht bemerken. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass er doch von der Gesellschaft oft als Tugend angepriesen wird. Eltern sind stolz darauf, bei Nachbarn und Verwandten zu verkünden, wie ehrgeizig ihr Sprössling doch ist. Eine Stärke nennen ihn die Kinder selbst, wann immer sie nach den eigenen gefragt werden. Für ein Leben in einer Gemeinschaft bietet er – sie – jedoch kaum Vorteile.

Die Eigenschaft beruht, so sehe ich über zehn Jahre später ein, auf einem tief verankerten Minderwertigkeitsgefühl – in den meisten Fällen sogar Komplex. „Tue es!“, schreit sie immer wieder, ohne Rücksicht auf Verluste zu nehmen. Lange Zeit bin ich ihr verfallen. Oft ist es auch heute noch schwierig für mich, ihren Rufen zu widerstehen – zu unmittelbar scheint die Belohnung. Immer wieder muss ich mich an mein Warum erinnern.

Ich sehe sie nun – die Täuschung: Eitelkeit, Hochmut oder Ehrgeiz. Diese Eigenschaft – mit all ihren Synonymen – ist die Wurzel allen Übels, aller Streitereien, Kämpfe und auch Kriege. Und wir alle tragen sie bis zu einem gewissen Grad in uns.

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