Erfahrungen mit Sucht

Narrativ

Lange Zeit redete ich mir ein, dass mein Drang, Drogen zu konsumieren, nur aufgrund der gefühlten Langeweile in meinem Leben entstanden war. Zu jener Zeit wusste ich nichts von Individualpsychologie und war so ernsthaft von der Richtigkeit meiner Lebenslüge überzeugt.

Dass ich immer das Ziel hatte, einsam als Abhängiger zu sterben und mir damit meine Wahrheit zu bestätigen, habe ich erst Jahre später erkannt.


Was ist Sucht?

Als Sucht bzw. Suchtverhalten wird die wiederholte Ausübung von Tätigkeiten bzw. der wiederholte Konsum von Substanzen bezeichnet, hinter der bzw. dem kein rationaler Grund zu bestehen scheint.

Charakteristisch für Sucht ist, dass das Verhalten trotz schädlicher Auswirkungen für das jeweilige Individuum fortgesetzt wird und in vielen Fällen Übermaß erreicht. Auch fehlt die Erfahrung vom „freien Willen“ dem Ausübenden fast vollständig – der Süchtige fühlt sich in jenen Momenten „machtlos“.


Geschichte

Der erste Lockdown hatte gerade begonnen und ich war arbeitslos geworden.

Genannte Umstände kamen mir recht: Ich nutzte den „Hausarrest“ und das Fehlen einer Beschäftigung als Ausrede, um am Ende eines gegebenen Tages meinem Suchtverhalten nachzugeben und mich mit meinen Freunden – Cannabis und Amphetamin – zu berauschen.

Ich fing langsam an und steigerte den Konsum stetig, bis ich einen Punkt erreichte, an dem ich mir ein Leben ohne Drogen nicht mehr vorstellen konnte – ich dachte vom Öffnen der Augen am Morgen bis zum letztendlichen Abendeintritt daran. Alles erschien mir ansonsten sinnlos, der Konsum diente neben der Bestätigung meines Glaubenssatzes auch der Ablenkung von der Leere meines Seins – eines kreierten, authentischen Seins.


Ursache

Damals redete mir ein, dass der Lockdown und die Arbeitslosigkeit die Gründe für meinen Fall in die Suchtspirale waren. Unter Tags glaubte ich mir meine Lebenslüge sogar. Nachts vor dem Zubettgehen berauschte ich mich hingegen mit Cannabis, so dass ich friedlich einschlafen konnte.

Ich umging damit, mein Verhalten – meinen Lebensstil – in Frage zu stellen und konnte den gesamten Ablauf am darauffolgenden Tag ohne schlechtes Gewissen wiederholen.

Kurz:

Genannte Ursachen waren für mich Begründungen, die dazu dienten, nichts zu verändern, weiter zu stagnieren und mich damit von meinem fehlenden Lebenssinn abzulenken.


Ziel

Jahre später lernte ich die Individualpsychologie von Alfred Adler kennen. Diese dreht Ursache und Wirkung um:

Und zwar hatte ich immer ein Ziel. Ich wollte mir, anderen Menschen und der Welt meine Wahrheit – meine Glaubenssätze – bestätigen bzw. beweisen.

Der mich steuernde Glaubenssatz lautet:

Ich bin wertlos.

Am Ende jedes Tages war mein Unterbewusstsein zufrieden – ich stellte es nicht in Frage. Die nach der Individualpsychologie formulierten drei zentralen Lebensaufgaben — Liebe, Freundschaft und Arbeit — vernachlässigte ich vollständig, weil ich keine Verantwortung dafür übernehmen wollte.


Scheinursachen

Das Ziel eines Menschen ist immer zentral für seinen Lebensstil. Und dieser baut sich seinen Lebensstil immer seinem Ziel entsprechend auf, rechtfertigt ihn dann mit ScheinursachenAusreden.

Ich rechtfertigte mein Verhalten zu jener Zeit unter Anderem damit, dass ich mir einredete, Betriebe würden aufgrund der unsicheren Situation rund um die Lockdowns sowieso keine neuen Mitarbeiter suchen. Es wäre daher sinnlos, sich irgendwo zu bewerben.

Die Wahrheit jedoch war, dass ich mich doch nur von der Lebensaufgabe der Arbeit ablenkte…


Folgen

Ich begann daraufhin, mich depressiv zu fühlen, kreierte Angst als weiteres Symptom.

Beispielsweise erwachte ich regelmäßig nachts und konnte nicht weiterschlafen – alles erschien mir ohne Sinn, wenn ich keinen Beitrag zum großen Ganzen leisten konnte. Weiterhin benutzte ich die Gesamtsituation jedoch als Rechtfertigung, nichts zu verändern.

Alles wäre vermutlich so weitergegangen, wenn ich es eines langen Tages nicht übertrieben hätte, um 09:00 Uhr morgens von einer durchgemachten Nacht nachhause gekommen und mit weit offenen Augen auf der Couch gelegen wäre – nicht in der Lage, einzuschlafen.


Lebenslüge

In jenem Augenblick reflektierte ich mein bis dahin gelebtes Leben und alles, was ich an meinem Verhalten toleriert hatte. Dann konfrontierte ich schließlich meine Lebenslüge, gestand mir schließlich erstmalig die Wahrheit ein:

Ich wollte schlicht keine Verantwortung für mein Leben – die drei Lebensaufgaben – übernehmen – traute mir die Erfüllung nicht zu.

Mein Ziel war immer dasselbe:

Ich wollte mir die Richtigkeit meines Glaubenssatzes – meiner Wahrheit – beweisen.


Erkenntnisse

Kurz vor dem Ende der Lockdowns erkannte ich es dann. Ich gestand mir ein, wie ich mich doch mein gesamtes Leben von den wichtigsten Aufgaben abgelenkt hatte und warum ich tat, was ich tat.

Die genannten Punkte:

  • Mein Ziel,
  • die erschaffenen Begründungen für die Erreichung meines Zieles sowie
  • die fehlende Bereitschaft Verantwortung für die drei zentralen Lebensaufgaben zu übernehmen

formten alle meinen damaligen Lebensstil.

Mein gesamtes Narrativ war auf einer Lebenslüge aufgebaut, die ich lange Zeit nicht zu durchschauen bereit war. Erst die Auseinandersetzung mit der Individualpsychologie hat mich nach und nach zum wahren Lebenssinn geführt. Was dieser Sinn ist, beschreibe ich hier.

PDF-Zusammenfassung – Erfahrungen mit Sucht

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